Die Radsport-Proteste: Versuch einer Einordnung

Die Radsport-Proteste: Versuch einer Einordnung

Matthew Riccitello ist ein 23-jähriger Radrennfahrer. Er sieht als schmächtiger Typ mit feinen Gesichtszügen unverändert ein bisschen aus wie mit 14 Jahren, als er mit dem Radsport begann. Doch bei der heurigen Spanien-Rundfahrt belegte er den fünften Gesamtrang, und gewann das weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers.

 

Wäre es nach der politischen Meinung mancher gegangen, hätte der US-Amerikaner Riccitello aber die Rundfahrt nicht beenden dürfen. Warum nur, warum? Riccitello fährt für das Israel Premier Tech-Team, das 2014 von einem Unternehmer gegründet wurde, um den Radsport in Israel zu unterstützen. Wenig später, im Jahr 2016, übernahm der Immobilienmilliardär Sylvan Adams das Team. Dessen Vater hatte ein Konzentrationslager überlebt, und war danach nach Kanada emigriert. Sein Sohn zog später nach Israel.

 

Beide verstehen sich durchaus als Botschafter Israels, also sind politische Bezüge gegeben. Die Mannschaft von Israel Premier Tech ist allerdings kein „Nationalteam“ und schon gar kein Team der Regierung bzw. des Staates Israel. Trotzdem forderten sowohl pro-palästinensische Demonstranten als auch einige spanische Politiker den Ausschluss des Teams von der La Vuelta. Die Begründung waren die Menschenrechtsverletzungen Israels im Gazastreifen, welche als Völkermord bezeichnet wurden.

 

Zwei Etappen der Vuelta – darunter die Schlussetappe nach Madrid – konnten nicht beendet werden. Sportkommentatoren auf Eurosport & Co wiederholten gebetsmühlenartig, dass selbstverständlich Meinungsfreiheit und ein Demonstrationsrecht bestünden, man aber den Ablauf des Rennens und die Sicherheit der Fahrer nicht gefährden dürfe. Ja eh, nur ist – völlig unabhängig davon, bei welchem Sportereignis und gegen wen Proteste gerichtet sind – die Sache im Detail nicht so einfach.

 

  1. Das Team Riccitellos soll sogar Morddrohungen erhalten haben. Wer das nicht ablehnt, ist entweder ein Vollidiot oder gemeingefährlich. Oder beides. Zugleich wurde ein Banner mit der Aufschrift „Zerstört Israel!“ gezeigt. Das ist kein zulässiges Transparent als Protest gegen die israelische Regierung und deren Politik sowie Menschenrechtsverletzungen, sondern widerlicher Antisemitismus sowie letztlich ein Gewalt- und Kriegsaufruf. Die Grenzen des zulässigen Protests müssen demzufolge immer sorgsam abgewogen werden.

 

  1. Umgekehrt gilt: Demonstration ist ein aus dem lateinischen Verb „demonstrare“ abgeleitetes Hauptwort, das sinngemäß „etwas aufzeigen“ oder „auf etwas hinweisen“ bedeutet. Ein modernes Demonstrationsrecht beinhaltet die Chance eines breiteren öffentlichen Auftritts von Personen zwecks für viele(!) Menschen wahrnehmbarer Meinungsäußerung. Das muss ermöglicht werden.

 

  1. Wenn Demonstranten nur bei Kilometerstein 75 beliebiger Vuelta-Etappen dem vorbeirauschenden Feld einen kurzen Satz zurufen und für wenige Sekunden Fähnchen schwenken sollen, ist das nicht ausreichend. Das wäre als würde man bei uns eine Friedensdemonstration statt auf der Wiener Ringstraße irgendwo bei den Wildschweinen im während des Winters gesperrten Lainzer Tiergarten erlauben.

 

  1. Man müsste also sehr genau und sachlich überlegen, wo und wie genau während eines Wettbewerbs wie der Vuelta friedliche Demonstrationsforen geschaffen werden. Hier drücken sich Sportveranstalter und Sportverbände immer vor klaren Entscheidungen. Sie flüchten sich in die Floskel vom „unpolitischen Sport“. Dieser war und ist eine Illusion, es ist aber allzu bequem das zu sagen.

 

  1. Die Veranstalter der Vuelta und der Weltverband aller Radsportler haben freilich den richtigen Zeitpunkt für solche Bewertungen längst verpasst. Denn es gibt auch das Team von Bahrain Victorious. Dieses ist wirklich in Staatsbesitz, und Bahrains Regierung ist berüchtigt für Menschenrechtsverletzungen. Amnesty International berichtet von willkürlichen Verhaftungen, und dass in Gefängnissen gefoltert und anderwärtig misshandelt wird. Dem Gründer des Teams, Prinz Nasser, wird die persönliche Verwicklung in schwerste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

 

  1. Wenn also Demonstranten, Radsportfunktionäre und Politiker in demokratischen Ländern das bisher komplett ignoriert haben, um nun über Israel Premier Tech zu diskutieren und zu richten, so machen sie sich gleichermaßen lächerlich. Doch Vincenzo Nibali war ein für Bahrain startender italienischer Star. Heute fährt Italiens Zukunftshoffnung Antonio Tiberi für die Menschenrechtsverletzer. Deutschland jubelt bei Sprintsiegen von Phil Bauhaus.

 

  1. Das erfolgreichste Radteam ist „UAE Team Emirates-XRG“ rund um Tadej Pogačar mit Sitz in der Schweiz sowie einem Hauptsponsor aus den Arabischen Emiraten, deren Delegierte auch im Verwaltungsrat der Lizenzgesellschaft die Mehrheit haben. Es entscheiden also in letzter Instanz beim angeblich unpolitischen Radsport Abgesandte von Scheichs, die lupenreine Diktatoren sind.

 

  1. Auch die Mannschaft „Astana“ aus Kasachstan erfüllt neben ihrer Doping-Vergangenheit keinerlei Anspruch auf Demokratiequalität. Lange Zeit war über eine zweifelhafte luxemburgische Betreibergesellschaft ein Zusammenschluss staatlicher Unternehmen aus Kasachstan der entscheidende Geldgeber. Seit 2025 ist man auf neue Großsponsoren aus der Volksrepublik China stolz.

 

  1. Doch das Unrecht der einen Seite macht niemals das Unrecht der anderen Seite gering. Das schrieb bereits der Dichter Erich Fried vor vielen Jahrzehnten. Man müsste sich grundsätzlich dem Thema der nicht demokratischen Einflüsse im (Rad-)Sport stellen. Das Online-Magazin Radsport News spricht trefflich von einem Wegducken. Was durchaus typisch für Sportverbünde und Sportfunktionäre sind.

 

  1. Es geht um mehr als Sicherheitsmaßnahmen, die auf die Polizei abgeschoben werden. Man scheut sich klare Bewertungen in jedem Einzelfall vorzunehmen, was demokratisch ist. Eine transparent begründete Bewertung, was zulässige demokratische Proteste sind und was nicht, wäre – allenfalls mit externer rechtlicher und politikwissenschaftlicher Beratung – die Aufgabe jedes Veranstalters und Verbandes.