Die zehn unverstandenen Sportarten
Ich ein Sportfan. Ein Freak und Nerd. Zum Beispiel war ich 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris. Dort lief ich selber wie ein Irrer durch die Stadt und zur Metro, nur um ein paar Marathonläufer zwischen Start und Ziel auch sowohl durch den Louvre laufen als auch vor dem Schloss Versailles wenden zu sehen. Genauso bin ich Stammgast bei lokalen Kleinevents.
Im Fernsehen schaue ich während der gerade stattfindenden Tour de France stundenlang Leuten beim Radfahren zu. Selbst Fliegenfischer mit Engelsgeduld meinen, das sei fader als Gras beim Wachsen zu beobachten. Im Internet „streame“ ich so ziemlich alles, was sich sportlich bewegt. Trotzdem gibt es ein paar Sportarten, die sich mir nicht erschließen.
- Welcher Sport ist das?
Einradhockey, Kin-Ball und Bubble Soccer. Hand auf das Herz: Welcher Auskenner kann diese Sportarten und ihre Regeln beschreiben? Aller Anfang ist leicht. Einradfahren war gestern, und Fortgeschrittene schießen dabei eben mit einem Eishockeyschläger Tennisbälle auf und ins Tor.
Das Grundprinzip des Kin-Ball könnte man gut auf Fußball & Co übertragen. Es geht um Ballkontrolle, aber mit drei gleichzeitig gegeneinander spielenden Mannschaften. Man stelle sich also ein Fußballfeld in Dreiecksform mit dreimal elf Spielern vor, die nach ihrem spanischem Tiki-Taka-Passspiel den Ball in eines der drei Tore schließen wollen.
Beim Bubble Soccer hingegen stecken die Spieler selbst in Bällen. Diese sind mannsgroß und aufgeblasen. Das Umstoßen des Gegners ist ausdrücklich erlaubt, weil ohne Verletzungsgefahr.
Eine Volleyballvariante dieser Disziplin gibt es nicht, das wird dafür sowohl in der Hüpfburg als auch auf Schnee gespielt. Letzteres wurde – wie könnte es anders ein – von einem österreichischen Gastwirt erfunden. Snow-Volleyball wird vom Weltvolleyballverband anerkannt und es gab Europameisterschaften plus einen Vorführwettbewerb bei den Olympischen Winterspielen.
- Einzeln synchron
Geht es nach den jüngsten Erfolgen, so müsste Synchronschwimmen in Österreich populärer sein als Fußball. Dank der als Griechinnen geborenen und 2014 eingebürgerten Drillingsschwestern Alexandri sind „wir“ Welt- und Europameisterinnen. Übrigens auch im Einzel, obwohl nicht alle drei Schwestern gleichzeitig und somit snychron.
Die Sportart ist zudem schön anzuschauen. Was ich jedoch nicht verstehe: Es gibt beim SYNCHRON-Schwimmen einen EINZEL-Wettbewerb! 😉
Nun kann man meinen, dass das Schwimmen synchron zur Musik wäre. Ja eh. Doch das Eislaufen einzelner Männer und Frauen mit musikalischer Untermalung wird auch Eiskunstlauf genannt. Und nicht Synchroneislaufen oder so.
Apropos Geschlechtergerechtigkeit: Dass Synchronschwimmen ein Frauensport wäre, das ist nicht ganz richtig. Ursprünglich wurde die Sportart nur von Männern ausgeführt, erst seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fast ausschließlich von Frauen. Seit 2015 gibt es aber ein Mixed Duett, und der US-Amerikaner Bill May wurde der erste männliche Weltmeister im Synchronschwimmen.
2024 in Paris durften Männer erstmals bei Olympischen Spielen im Synchronschwimmen starten. Kurioserweise allerdings bei jenem der Frauen. Nämlich im Teambewerb. Da sind acht Personen im Wasser. Zwei davon dürfen Männer sein. Warum ausgerechnet zwei, das weiß ich nicht. Es hat keine einzige Nation für ihr Team auch nur einen einzigen Mann nominiert. Ich sagte ja, dass ich Synchronschwimmen nicht verstehe.
- Zwei Punkte sind 30 Punkte
Tennis sollte vergleichsweise leichter zu verstehen sein. Aber wie schon vor Jahrzehnten der deutsche Blödel-Barde Mike Krüger trällerte, ist die Zählweise nicht logisch: Mein Gegner hat schon 30 Punkte, und ich war zweimal erst am Ball. Oder bei Assen gar nicht. Warum jedoch wird in Stufen 15, 30 und 40 und Einstand und Vorteil und theoretisch immer so weiter sowie in Sätzen und Tie-Breaks gezählt?
Mein Pro-Tipp: Gönnen Sie sich das Vergnügen und überrumpeln Sie angeblich sportaffine Freunde mit Ihrer Handykamera, um diese Frage zu stellen. Sie werden die tolldreistesten Antworten bekommen. In Reels für soziale Medien zeigten sich übrigens sogar millionenschwere Tennisprofis ratlos.
Die Erklärungen im Internet reichen übrigens bis ins 14. Jahrhundert zurück, weil man damals bei jedem Punkt Münzen von 15, 30 und 45 Deniers wettete. Irgendwann soll durch einen Aussprachefehler aus 45 die Zahl 40 geworden sein. Die jeweils wechselnde Zahl von Sätzen und Tie-Break-Längen ist dadurch nicht erklärt, doch irgendetwas muss den Unterschied machen.
Denn am 24. Juni 2010 gewann auf dem heiligen Rasen von Wimbledon John Isner (USA) gegen Nicolas Mahut (FRA) mit 70 zu 68 im fünften Satz. Das ist kein Tippfehler. Das Spiel dauerte 11:05 Stunden. Elf Stunden und fünf Minuten. Sieger Isner machte beim 6:4 3:6 6:7 (7/9) 7:6 (7/3) 70:68 um 24 Punkte weniger als der Verlierer Mahut. Alles klar?
Genauso unverständlich ist, warum auf Rasen Tennis gespielt wird und Gras nicht einfach etwas für Kühe ist. Denn das hat der langjährige Weltranglistenerste Ivan Lendl gesagt. Später trat er in Wimbledon doch an und scheiterte stets. Wahrscheinlich weil er weder Stier noch Ochse war.
- Curling
Der bereits kurz erwähnte Starjournalist Armin Wolf – ich darf mit ihm auf großen Bühnen auftreten https://www.oeticket.com/artist/peter-filzmaier-armin-wolf/ , bin also befangen, alle Zitate von ihm sind diesen Auftritten entnommen – wiederum mag Curling. Warum ausgerechnet Curling? Das sei für ihn Eisstockschießen mit Putzen. Ihm gefällt das, weil es seinem Ordnungssinn entgegen kommt. Nun ja.
Weiß ZiB2-Moderator Wolf eigentlich, dass die Curling-Welt vielfach skandalgebeutelt ist? Bei den Weltmeisterschaften 2025 sollen die zuvor erfolglosen Chinesen mit Absicht „burning a rock“-Situationen herbeigeführt haben. Dabei wird verbotenerweise beim Wischen für den gespielten Stein Kontakt mit dem Besen oder einem Körperteil hergestellt. Um eine Richtungsänderung auszulösen. Was nur beim Putzen nicht ausdrücklich untersagt ist.
Bereits 2016 gab es „Broomgate“. Auch Besenkopfskandal genannt. Mit neuen Bürstenkopfen und Wischtechniken sollte eine Art mikroskopisch kleiner Sandsturm ausgelöst werden, um den Stein jenseits der eisigen Putzaktion schneller oder langsamer zu machen.
2018 waren in Korea die Trainer des weiblichen heimischen Silberteams bei den Olympischen Winterspielen entlassen worden. Sie hatten aus der Putzsucht eine Kontrollsucht gemacht. Briefe der Spielerinnen wurden genauso zensiert wie ihr Privatleben überwacht.
- Extrembügeln
Lieber Armin, ich hätte nach deinem Putzvergleich beim Curling eine vielleicht noch besser passende Sportart für dich: Extrembügeln. Ja, das gibt es wirklich. 2002 fanden sogar Weltmeisterschaften statt. Ein einziges Mal.
Die sportliche Leistung ist weniger das Bügeln eines Hemdes an sich. Sondern das Bügeln findet unter erschwerten Umständen statt: Als Water Style im Wasser, als Rocky Style im Gebirge oder Forest Style im Wald. Wir könnten uns nach dem schwimmerischen Vorbild auch für den Teamevent des Synchronbügelns anmelden. Kein Scherz!
- Der größte Betrug
Ob beim Bügeln ähnlich dem Curling betrogen wird? Nichts Genaues weiß man nicht. Doch der für mich unverständlichste Sportbetrug betrifft leider ausgerechnet mein Lieblingsland Spanien und eine meiner Lieblingssportarten: Basketball.
Bei den Paralympischen Spielen 2000 in Sydney holten die Spanier souverän Gold. Bis sie disqualifiziert wurden. Es stellte sich heraus, dass die bei den Spielen für beeinträchtigte Menschen zehn von zwölf Spielern ohne jedwede Beeinträchtigung im Kader waren. Auf den ersten Blick sehen konnte man das nicht, weil sie sich als geistig behindert anmeldeten. Ein betrügerischer Arzt stellte Atteste aus.
Nichtsdestoweniger flog die Sache auf, nachdem mehrere Spieler als gute und auch im Kopf topfitte Basketballer bekannte Persönlichkeiten waren. Dazu brauchte es das ferne Australien und es ist im heimischen Spanien niemand klar gewesen?
Leidtragende waren natürlich vor allem die restlichen zwei Spieler, welche genauso um ihre Goldmedaille betrogen wurden wie die Spieler anderer Mannschaften. Sie erhielten wenigstens eine Medaillenkopie.
- Tram-WM
Armin Wolf ist der größte bekennende Sportbanause, den ich kenne, Trotzdem konnte ich von ihm lernen. Erst durch ein Blue Sky-Posting seinerseits erfuhr ich, dass es eine Weltmeisterschaft der Straßenbahnen gibt. Also der Fahrer nehme ich an. Ob der Erfolgsanteil des Gefährts ähnlich groß einem Formel 1-Auto ist, das weiß ich nicht.
Um freilich Ungleichheiten zu verhindern, wird stets von allen Startern mit den Fahrzeugen des Gastgeberlandes gefahren. Am 13. September 2025 kann sich das in Wien jeder anschauen. Auf dem Rathausplatz. Da messen sich Straßenbahnfahrer aus aller Welt mit dem „ULF“ der Wiener Linien. Ultra-Low-Floor. Es gibt acht Disziplinen. https://tramwm.wienerlinien.at/
Sanftes An- und Abfahren wird anhand der verschütteten Tropfen eines Wasserkübels gemessen. Ohne Blick auf dem Tacho die Geschwindigkeit zu halten, das erinnert an Oldtimer-Rallyes. Zielbremsen muss nicht extra erklärt werden. Ähnlich funktioniert punktgenaues Rückwärtsfahren mit Pfeifsignalen als Orientierung.
Beim TRAM-Bowling mit der Straßenbahn wird mit der Bahnschauze eine riesige Kugel angestoßen, die irgendwelche Kegeln umhauen soll. Schätzspiele zum seitlichen Abstand, ob dieser für das Vorbeifahren ausreicht, mag sportlich sein und wird dennoch hoffentlich im Alltag des Wiener Straßennetzes nicht probiert.
Außerdem gibt es allen Ernstes TRAM-Curling. Eine Fahrrad-Draisine (was immer das genau sein mag) wird vor der Straßenbahn hergeschoben. Letztere stoppt ab, die so beschleunigte Draisine soll möglichst exakt im markierten Zielbereich stehenbleiben. Zusätzlich mit einem Besen gewischt wird allerdings nicht.
- Eine Schnapsidee
Der Wolf, der nie Alkohol trinkt, hat noch eine Sportart entdeckt: Schnapsen. Gemeint ist nichts Hochprozentiges, sondern das aus Wirtshäusern bekannte Kartenspiel. Da gab es im Juni 2025 in Wien – leider quasi unter Ausschluss der öffentlichen Aufmerksamkeit – das weltweit erste Ländermatch im Schnapsen. Österreich gegen Ungarn. Mit Live-Übertragung im Internet.
Österreich hat 22 zu 14 gewonnen. Armin Wolf findet, man sollte jetzt ganz schnell eine Weltmeisterschaft organisieren. Weil bei Sportarten, die es nur in Österreich und Umgebung gibt, haben wir bessere Chancen. Etwa beim Schifahren. Detailergebnisse aller Schnapsspieler finden sich leider nicht auf orf.at, jedoch unter https://schnopsn.com/laenderspiel
- Alles Käse
Die Sportveranstaltung des Jahres ist freilich immer The Coopers Hill Cheese-Rolling and Wake. Die Teilnehmer rennen in der Nähe von Gloucester in England steil bergab einem großen Käselaib nach, der etwa 180 Meter herunter sollt, um sich diesen zu fangen. Siegespreis ist: Der Käse. Für die Starter gehört es zum guten Stil mehr oder weniger bekleidet zu sein. Manchmal gar nicht. Das muss man gesehen haben.
https://www.youtube.com/watch?v=qjSUk9o-D6E
Der Käse erreicht bei einem Steigungswinkel von 45(!) Grad eine Geschwindigkeit von mehr als 100 Kilometer pro Stunde. Daher holt ihn normalerweise keiner ein, sondern es gewinnt jener, der als Erster nach dem Käse ins Ziel kommt. Angeblich ist das Käserennen seit 200 Jahren Tradition. Nachdem anfangs nur Bewohner der nicht gerade weltberühmten Ortschaft Brockworth antreten durften, gibt es heute aus aller Herren Länder anreisende Teilnehmer.
Die Kehrseite der Medaille, äh, des Käses: Die Krankenhäuser der Umgebung haben an diesem Tag erhebliche Mehrarbeit, Knochenbrüche sind kein Einzelfall. Ach ja, und weil der toll springende Hartkäse auch Zuschauer verletzte, ist er mittlerweile Fake: Er wurde durch eine weichere Schaumstoffmischung ersetzt.
- Laufkuriosa
In Interviews betone ich immer, dass Laufen der einzige Sport wäre, von dem ich wirklich etwas verstehe. Überall sonst habe ich das gemeingefährliche Halbwissen eines Fans und Möchtegern-Sportreporters. Doch Laufsport habe ich früher einmal betrieben? Durchschaue ich deshalb alles? Nein.
Laufsportregeln sind offenbar selbst für Spitzenfunktionäre und -läufer eine schwierige Sache. Bei den Wiener Meisterschaften 2025 über 10.000 Meter liefen beispielsweise die Siegerin barfuß und die Zweitplatzierte in auf die Schnelle ausgeborgten Schuhen. Warum nur, warum? Die internationalen Wettkampfregeln geben detailliert vor, welches Schuhwerk für Straße und Bahn erlaubt ist. Das hatte freilich keiner vorab verinnerlicht, so dass man ohne die beschriebene Notlösung alle Medaillengewinnerinnen hätte disqualifizieren müssen.
Bei einem späteren Meeting konnten dafür Bestzeiten über 800 Meter nicht anerkannt werden. In fast allen Läufen waren am Start einfach viel zu weit vorne gestanden. Was die Streckenlänge naturgemäß verkürzte, aber keinem auffiel. Typisch österreichische Schlampigkeit? Eher nicht.
Bei den deutschen U23-Meisterschaften im 400 Meter-Hürdenlauf der jungen Frauen gab es 2025 in Ulm Spitzenzeiten. Im ersten Vorlauf. Wie das? Man hatte vergessen, die zweite Hürde aufzustellen. Dazu muss man wissen, dass Hürdenläuferinnen möglichst einen fixen Schrittrhythmus haben. Also etwa 15 Schritte von einer Hürde zur nächste. Niemand realisierte, dass es diesmal 30 Schritte waren. Dumm gelaufen.