profil-Kolumne 13: Die Piefke als Lieblingsfeind im Sport

profil-Kolumne 13: Die Piefke als Lieblingsfeind im Sport

Hand aufs Herz: Wer hat wie ich vor einer Woche zu nächtlicher Stunde das ihm zuvor fußballerisch unbekannte Paraguay bejubelt? Oder sich mindestens in der Früh über die deutsche Fußball-WM-Niederlage diebisch gefreut?

  1. In angeblich sozialen Medien schrieb mir nach dem deutsch-paraguayischen Desaster ein mutmaßliches Männlein mit großer Reichweite, dass eine WM nur ohne überhebliche, arrogante, eingebildete Piefke schön wäre. Zum Glück fand meine Antwort mehr Zustimmung, dass es ganz mies ist, Menschengruppen aufgrund von deren Herkunft pauschal abzuqualifizieren, Ich fragte, ob er das als Rassist oder Sexist auch in anderen Bereichen tun würde. Es kam keine Antwort.

 

  1. Trotzdem sind viele von uns einschließlich meiner Wenigkeit nicht frei von der Tendenz, auch bei Fußballspielen ohne österreichische Beteiligung und generell im Sport zu jedem und jeder und allen Mannschaften zu halten, der oder die gegen die „pöhsen“ Deutschen antreten. Der anti-germanische Jubel erfolgt mit lispelnder Stimme wie bei der Szene rund um „Schwanzus Longus“ in einem Kultfilms von Monty Python. Aber voller Begeisterung.

 

  1. Mein Schlüsselerlebnis, dass so eine Herangehensweise nicht in allen Fällen eine gute Idee ist, war die WM 1990. Ich konnte und wollte nicht zu Jugoslawien unter dem massenmörderischen Diktator Slobodan Milošević halten. Superkicker wie Boban, Prosinečki, Savićević, Stojković und Šuker hin oder her.

 

  1. So gesehen sind meine diesbezüglichen Sünden frühpubertär. 1978 fuhr ich nach dem heimischen Sieg gegen Deutschland mit meinem Vater und gleichaltrigen Freunden auf der Westautobahn. Jedes Auto mit deutschem Kennzeichen wurde erbarmungslos angehupt, um mit den Fingern 3:2 zu zeigen. Als Folgeerscheinung habe ich nie wieder in meinem Leben derart viele Stinkefinger gesehen.

 

  1. Bei Christo Stoitschkows 1994 hatte mein Triumphgefühl mit seinen Geniestreichen zu tun und beruhte nicht auf Teutonenhass. Bei Oliver Kahns Tormannfehler 2002 genügte die persönliche Abneigung der Person. Und der italienische Triumph mitten im Veranstalterland und angesichts der Inszenierung eines deutschen Sommermärchen 2006 war einfach emotional mitreißend.

 

  1. Gibt es jedoch einen halbwegs seriösen Grund für die innige Verachtung deutscher Kicker? Als Pawlow´scher Reflex mancher Germanen und ihrer Sympathisanten kommt stets der Vorwurf, die Österreicher würden da ihre Minderwertigkeitsgefühle ausleben. Schon klar. David gegen Goliath und so. Haben sich aber derart komplexorientierte Hobbypsychologen überlegt, dass sie unter allen Fußballfans noch unbeliebter werden, wenn sie kleinere Nachbarländer somit als „Loser“ runtermachen?

 

  1. Für uns Ösis kommt dazu, dass wir nach zwei Weltkriegen jedes Mal die eigene Identität und den Glauben an die Überlebensfähigkeit des Landes sich von Deutschland abgrenzend definieren mussten. Dass die gleiche Sprache so unterschiedlich ist, erleichtert und verstärkt eine hemmungslose Konfliktaustragung von den Stadien bis in die Fernsehstudios.

 

  1. Apropos Medien: Früher befeuerten diese österreichische Antipathien gewaltig. Die Bild-Zeitung hatte 1978 nach der alpenrepublikanischen 1:5 Niederlage gegen die Niederlande geschrieben: „Wurstls kurzer, schöner Traum!“ Man würde gegen dasselbe Team locker ebenfalls fünf Tore schießen. Harry Valerien, Erfinder des Sportstudios im ZDF, gab später zu, dass die deutsche Arroganz Österreichs bester Motivationsschub für Córdoba war. Der Wurstl war böse geworden.

 

  1. Nur ist inzwischen der Sportjournalismus von ARD und ZDF sehr reflektiert, die Analysen fundiert und selbstkritisch. Wir sollten uns nicht länger deutsche Fußballdebakel wünschen. Die Mannschaft ist ein Musterbeispiel der Inklusion. Ja, der in Berlin geborene Antonio Rüdiger als sprachlicher und körperlicher Gewalttäter auf dem Platz und anderswo ist im Kopf nicht einmal Kreisklasse. Das gilt aber unabhängig von seiner Hautfarbe.

 

  1. Nadiem Amiri, Nathaniel Brown, Jamal Musiala, Jonathan Tah oder Deniz Undav sind hingegen so, wie Zusammenleben sein soll. Nach dem Scheitern der Deutschen bei der WM haben nun leider nationalistische bis faschistische Oberpiefkes des AFD-Typus Björn Höcke Hochsaison, die eine völkische Mannschaftsaufstellung herbeisehnen. Also sollten Musiala & Co in vier Jahren Weltmeister werden. Als Symbol für ein besseres Deutschland.

 

Dieser Text ist am 5. Juli 2026 in meiner Sportkolumne im profil erschienen. Das Original befindet sich hier.