profil-Kolumne 15: Meinungsfreiheit im Sport
Hand aufs Herz: Wie stehen Sie zur Meinungsfreiheit für Sportler? Wahrscheinlich halten Sie das für eine dumme Frage, und sind bedingungslos dafür. Wenn ja, beantworten Sie bitte unbedingt auch die Gretchenfragen am Textende.
- Die Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung ist in Österreich in den Artikeln 13 des Staatsgrundgesetzes und 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) verankert. Jeder darf seine Meinung in Wort, Schrift oder Bild frei äußern. Dasselbe steht in Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO aus dem Jahr 1948. Das gilt genauso für alle Sportler.
- In Artikel 50 der Charter des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) steht aber, dass Sportlern jede „Demonstration oder politische, religiöse oder rassische Propaganda“ während der Spiele untersagt ist. Was logisch ist, denn Rassismus ist keine Meinung. Zugleich setzen Verleumdung und Verhetzung – wie Gewaltaufrufe gegen politisch Andersdenkende oder Menschen anderen Glaubens – zu Recht Grenzen, was man sagen darf.
- Der Haken ist, dass das IOC und detto der Weltfußballverband FIFA sowie zahlreiche Sportvereinigungen am liebsten jedwede Meinungsäußerung mit Politikbezug verbieten würden. Bis zu den Olympischen Spielen 2021 in Tokio war das hochoffiziell so. Wer keine Disqualifikation riskieren wollte, hatte politisch die Klappe zu halten.
- Erst seitdem – nach 125 Jahren Spiele der Neuzeit – gesteht Regel 40.2 den Sportlern die Freiheit zu, ihre Meinung auszusprechen. Nur beschränkt man das auf jenseits der Wettkämpfe und die Meinung muss in Einklang mit den olympischen Werten stehen. Dazu zählt der Friede.
- Als freilich der weißrussische Skeleton-Fahrer Wladyslaw Heraskewytsch bei den Winterspielen 2026 in Cortina d’Ampezzo mit einem Helm antreten wollte, der Porträts von im Krieg getöteten ukrainischen Sportlern zeigte, wurde er ausgeschlossen. Demzufolge wäre sogar die Friedenstaube ein unzulässiges Symbol, wenn Sportler eine Meinung haben.
- Wie soll Sport die Welt verändern – dass er das kann, sagte Nelson Mandela als Friedensnobelpreisträger 1993 -, wenn man nicht für den Frieden und gegen Diktaturen sein darf? Doch sind in IOC und FIFA jeweils knapp 100 der Mitgliedsverbände aus kriegsführenden Ländern und 140 aus diktatorischen Staaten. Noch Fragen? Klarerweise gefallen da den Sportfunktionären keine Meinungsaufrufe für Frieden und Demokratie.
- Tun wir nicht so, als ob im demokratischen Österreich alles besser ist. Wenn Fußballer David Alaba in Interviews seinen Glauben an Gott betont, will ihm das keiner verbieten. Was aber, wenn Marko Arnautovic statt serbisch-orthodoxer Christ ein Moslem wäre – und nach der WM-Qualifikation keinen Feiertag gefordert, sondern „Allahu Akbar“ gerufen hätte? Würde er nicht von der heimischen Bevölkerungsmehrheit sofort mit diesen Ruf „Gott ist größer!“ missbrauchenden Extremisten in einen Topf geworfen und beflegelt werden?
- Wer wie ich mehr Meinungsäußerungen von Sportlern will, muss Widersprüche aushalten. Ich finde Boxer Cassius Clay wegen seines Kampfes gegen Rassendiskriminierung in den USA und als Gegner des Vietnam-Kriegs gut. Derselbe Clay war als Muhammad Ali mit dem zairischen Diktator und Massenmörder Mobutu Sese Seko beste Freunde. 1974 in Kinshasha gegen George Foreman den Jahrhundertkampf „Rumble in the Jungle“ bestritt, grölten die Anhänger des Boxers „Ali boma ye“ vulgo „Ali, töte ihn!“. Was widerlich war.
- Ebenfalls zwiespältig ist das Bild von Michael Jordan als Held meiner Jugend und für mich größter Basketballer aller Zeiten. Jordan äußerte sich bis 2016 niemals gegen rassistische Gewalt in den USA. Ihm waren hunderte Millionen Dollar wichtiger, welche er vom Schuhverkäufer Nike erhielt. Er begründete seine politische Zurückhaltung offen mit den Worten, dass weiße Republikaner seine Schuhe kaufen. Heute spielt er mit Donald Trump Golf.
- Machen wir zum Abschluss den Elchtest für Leser*innen des profils. Was wäre, wenn Anna Maria Gasser – zweifache Snowboard-Olympiasiegerin 2018 und 2022 –, der skispringende Everybody’s Darling Andreas Goldberger oder Jahrhundertfußballer Herbert Prohaska verkünden, die FPÖ zu wählen? Sind die dann nicht mehr die Anna, der Andi oder Schneckerl? Müsste man sie als Gottseibeiuns ächten? Oder würden Sie sie dafür respektieren, dass sie offen ihre Meinung sagen?
Dieser Text ist am 3. August 2026 in meiner Sportkolumne im profil erschienen. Das Original befindet sich hier.