profil-Kolumne 16: Meine allerliebsten Schwimmgeschichten
Soeben war die Europameisterschaft im Schwimmen. Ohne Australier und US-Amerikaner ist das wie Skifahren ohne Österreich und der Schweiz. Allzu oft fehlen die Weltbesten. Mir tut das leid, weil ich bin immer Team Australien.
- Katie Ledecky ist in den USA eine Schwimmlegende. Ach was, die „Freistilerin“ vulgo Kraulerin auf den längeren Strecken ist DIE Legende. Mit neun Olympiasiegen und 23 Weltmeistertiteln völlig zu Recht. Nur leider neigen die Amerikaner zu einem arroganten Hurra-Patriotismus. Seit 2012(!) bis heute heißt es, Ledecky wäre unschlagbar. Punkt und aus.
- Die US-Medien ignorierten 2018 konsequent, dass eine 17-jährige aus Launceston in Tasmanien zur Kurzbahn-Weltrekordlerin wurde. Ihr Name war Ariarne Elizabeth Titmus. Ein Jahr später zog Ledecky über 400 Meter Kraul bei der WM in China sieben von acht langen Bahnen souverän ihre Kreise. Dann stotterte der Live-Kommentator auf NBC fassungslos, Australiens Jungstar „is storming home“. Titmus stürmte vorbei und mit großem Vorsprung zur Goldmedaille.
- Lernfähig waren die Sportjournalisten aus Amerika nicht. Ledecky sei nicht fit gewesen, hätte am Ende bloß zu spät reagiert, und so weiter und so fort. Spätestens ab da verfolgte ich lustvoll die Geschichte der Triumphe von Titmus. Denn bei den Olympischen Spielen in Tokyo 2021 sprachen dieselben Stars and Stripes-Reporter Ledecky heilig. Als sichersten Goldtipp überhaupt. Bis es auf der letzten Bahn wiederum hieß: „Here comes Titmus!“
- Fast noch legendärer als der Olympiasieg von Titmus wurde der Jubel ihres Trainers Dean Boxall. Er rannte auf der Tribüne wild brüllend auf und ab, vollführte die Arme hochreißend halsbrecherische Sprünge und rüttelte an jeder Absperrung einem amoklaufenden Irren gleichend. Das war großes Kino. Danach verlor die vom Teenager zum Twen gewordene Titmus ihre Lust am Schwimmtraining.
- Doch für römische die WM 2023 kam sie zurück. Den Weltrekord hielt nun Kanadas neues Wunderkind Summer McIntosh. Dreimal dürfen Sie aber raten, wen die Schwimmjournaille aus den USA zur haushohen Favoritin machte. Ledecky, Ledecky, Ledecky. Das von internationalen Journalisten verkündete „Race of the Century“ von Ledecky, McIntosh und Titmus war dann nicht einmal spannend. Titmus dominierte vom ersten Armzug an. Sie lag am Ende mit einem Fabelrekord meilenweit voran.
- Auch 2024 in Paris holte sich Titmus überlegen den Olympiasieg, und hatte nachher endgültig genug vom Schwimmen. Mit nur 24 Jahren. Daher erinnert man sich in Australien lieber an jene heimischen Männer, die in der 4×100 Meter Kraulstaffel die USA unglaublich nass machten. Bei den olympischen Heimspielen in Sydney 2000. In einem Showdown mit Ansage, nachdem sieben Jahrzehnte stets US-Staffeln gesiegt hatten.
- Lange vor dem Staffelrennen verkündete halb Australien, dass man diese Goldmedaille will. Diese eine zählt. Und nur diese. Obwohl man chancenlos war. Against all odds. Australien hatte mit Michael Klim den besten Delfinschwimmer und Ian Thorpe als allerbesten Langstreckler. Dummerweise hatten die USA vier bessere Sprintkrauler. Na und?
- Klim sollte als Startschwimmer einen Kraulweltrekord vorlegen, und Thorpe am Ende den 100 Meter-Star Gary Hall distanzieren. Die Erwartungshaltung war, als müsse Marcel Hirscher in Kitzbühel die Abfahrt mit Streckenrekord gewinnen und ein 1.500 Meter-Läufer Usain Bolt im Sprint schlagen. Der Ami Hall verkündete: „We will smash die Aussies like guitars!“ Im Schwimmstadion waren jedoch 20.000 hysterische Australier überzeugt, dass man die Amerikaner aus dem Becken prügelt.
- Der Rest ist Schwimmgeschichte. Amerikas Sportreporter waren nicht zu hören, weil daneben ihre Kollegen aus Australien schrien: „Michael Klim is going for it!“ and „You wonna message? Here is one!“ Klim kraulte den Weltrekord. Trotzdem schwamm Hall los, als gäbe es kein Morgen. Thorpe lag eine Körperlänge zurück – und Australien siegte mit einer Handbreite Vorsprung.
- Klim und Freunde spielten am Beckenrand Luftgitarre. Das Sportfoto des Jahres. Der junge Ian Thorpe war sowieso der Superheld des Schwimmens. Bis sich zwei Dinge herausstellten. Er war mutmaßlich gedopt und garantiert schwul. Die Dopingsünden verzieh ihm die australische Öffentlichkeit schnell. Die Homosexualität lange Zeit nicht. Daran ist er fast zerbrochen.
Dieser Text ist am 16. August 2026 in meiner Sportkolumne im profil erschienen. Das Original befindet sich hier.