profil-Kolumne 2: Wer gedopt hat, das bestimme ich!?
Jeder Dopingfall im Sport ist einer zu viel. Es muss viel mehr getestet und konsequent bestraft werden. Ja eh. Leider hat die öffentliche Debatte rund um das Thema Doping einige Facetten, die weniger klar sind.
- Die Marathon-Weltrekordhalterin Ruth Chepngetich ist soeben gesperrt worden. In ihrem Körper wurde die 190-fache(!) Menge des Erlaubten einer Doping verschleiernden Substanz festgestellt. Ihr Fabelweltrekord aus dem Jahr 2024 – die Kenianerin war in 2:09 Stunden gleich schnell wie der österreichische Männerrekord – bleibt bestehen, weil vor dem positiven Dopingtest gelaufen.
- Da ist für mich als Ex-Laufsportler die Verlockung groß, so richtig loszuschimpfen. Besser ist es aber, das eigene Denken als Fan selbstkritisch zu hinterfragen. Dabei fällt mir im Weltrekordtempo ein, dass ich einst dem den Drogentod gestorbenen Radfahrer Marco Pantani zujubelte. Nur weil „il pirata“ sein Kämpferherz in beide Hände nahm, sobald die Straße bergauf ging. Um gegen jede Chance zu attackieren.
- So nahm Pantani mit seinem frechen Kopftuch dem Herrn Ullrich – dieser Jan hatte für mich den Charme eines Bulldozers – über den Col du Galibier zur Bergankunft hinauf nach Les Deux Alpes unglaubliche neun Minuten ab. Die Dopingvergehen des Piraten verdrängte ich zugunsten meiner gepflegten Abneigung gegenüber allzu deutsch-deutschen Sporthelden.
- In Deutschland hieß es umgekehrt, es dopen nur die hinterlistigen Südländer. Jan Ullrich glaubte man lange, dass ihm jemand in der Diskothek etwas ins Getränk gegeben hätte. Beim rechtskräftig gesperrten Olympiasieger im 5.000 Meter-Lauf, Dieter Baumann, hält sich zu seiner Reinwaschung bis heute die Legende einer manipulierten Zahnpasta.
- Wer übel dopt, das ist offenbar eine sehr selektive Wunschwahrnehmung. Mit einem brandaktuellen Anteil Österreichs im Fall der Rodlerin Madeleine Egle, Goldfavoritin der Olympischen Spiele 2026. Egle wurde aber im September für zwei Jahre gesperrt. Sie hatte dreimal ihre Online-Meldepflichten für Dopingkontrollen versäumt. Hier ist in den Regeln eine solche Sperre glasklar vorgesehen.
- Doch wollten viele Egle freisprechen. Obwohl 99,99 Prozent ihrer empörten Volksverteidiger das System der ADAMS-App (Anti-Doping Administration and Management System) nicht kannten. Aber weil Frau Egle Österreicherin und eine sympathische Frau wäre. Was hat das Klischee „A liabs Tirolermadl!“ damit zu tun? Wenn ich im Straßenverkehr mehrmals die Alkoholkontrolle versemmle, gelte ich als besoffen. Zu Recht.
- Wenigstens Julia Mayer, Rekordhalterin und Olympiateilnehmerin im Marathon, widersprach. Sie sagte, dass man trainieren und besagte Meldungen wohl auf die Reihe kriegen kann. Doch zurück zur gedopten Läuferin Chepngetich: Klarerweise darf ihr der Weltrekord nicht aberkannt werden. Weil ihr für diesen Lauf kein Regelverstoß nachgewiesen wurde.
- In einem Rechtsstaat entscheiden zudem Urteile einer gerichtlichen Instanz über die Schuld. Nicht der Volksmund und schon gar nicht pauschal. Oder würden Sie sagen, dass alle Priester Kinderschänder sind? Oder alle Politiker korrupt? Oder alle Ausländer kriminell? Oder alle Blondinen dumm? Oder alle Künstler drogensüchtig? Wenn ja, hören Sie bitte auf zu lesen. Menschen mit verallgemeinernden Vorurteilen sind mir zuwider. Ganz egal, ob als Rassisten oder Sexisten.
- Trotzdem ist es unter aufgeklärten Bildungsbürgern salonfähig über Ausdauer- und Kraftsportler pauschal zu sagen: „Die gifteln alle!“ Natürlich gab und gibt es zahlreiche gedopte Sportler. Genauso wie in der Kirche öfters sexueller Missbrauch vorgekommen ist und wir sowohl Politiker als auch Ausländer kennen, die Verbrecher waren. Doch muss sich zum Glück in unserem Rechtssystem niemand freibeweisen, bloß weil er einer bestimmten Gruppe von Menschen angehört.
- Man darf sich allerdings als betrogener Fan fühlen. Ich beispielsweise war 1999 in der Ramsau dabei, als Österreichs Langläufer – anders als Chepngetich hatten sie Skier an den Füssen – WM-Gold gewannen. Spätere Medaillen mehrerer Staffelmitglieder und einiger Biathleten kamen nachweislich gedopt zustande. Von wegen „Austria is too small to make a good doping!”, wie Ex-ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel in holprigem Englisch sagte. Sich verarschen lassen, das müssen wir Fans nicht.
Dieser Text ist am 31. Oktober 2025 in meiner Sportkolumne im profil erschienen. Das Original befindet sich hier und ist im profil-PDF nachlesbar.