profil-Kolumne 5: Wie man mit Niederlagen umgeht
Seit dem Slalomsieg von Manuel Feller in Kitzbühel ist Österreich in olympiareifer Sporteuphorie. Diskutiert wird nur noch, wie viele Goldmedaillen „wir“ bei den Winterspielen gewinnen werden. Was aber, wenn nicht?
- Bei den am 6. Februar beginnenden Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina nehmen 115 Sportlerinnen und Sportler aus Österreich teil. Dieses Aufgebot ist das größte seit Sotschi 2014. Wobei die damalige Zahl von 130 durch eine Eishockeymannschaft ohne jedwede Medaillenchance erreicht wurde. Bei der jetzigen Dichte heimischer Einzelteilnehmer sind aber nur drei bis fünf absolute Goldtipps dabei.
- Der große Favorit ist objektiv, wer seine Sportart im Weltcup anführt. Da wird die Suppe dünn. Julia Scheib ist die beste Riesenslalom-Fahrerin, allerdings zuletzt ausgefallen. Ansonsten sind null alpine Frauen und zwei Männer in den „Top 3“ der Weltrangliste. Dafür ist bei den Nordischen Kombinierern Johannes Lamparter vorne. Dummerweise können die norwegischen Brüder Oftebro seit Saisonmitte plötzlich gut von einer Skischanze springen. Langlaufen tun die zwei, als gäbe es kein Morgen.
- Die allergrößten Hoffnungen konzentrieren sich somit auf das Rodeln. Olympisch wird seit 1964 in einem Eiskanal gerodelt. Halb Österreich fiebert goldig bei durch Latexanzüge und Vollvisierhelme anonymisierten Personen mit. Obwohl wir kaum eine Ahnung haben, wie sie aussehen. Würden Sie Lisa Schulte erkennen? Sie ist genauso Erstplatzierte des Weltcups wie die Doppelsitzerinnen Selina Egle und Lara Kipp.
- Jonas Müller ist arschknapp um einen Punkt Weltcupzweiter. Jenseits der Rodelbewerbe gibt es eher vage Siegaussichten. Etwas dagegen haben: Marco Odermatt und seine schweizerischen Landsleute, das über 70-jährige US-Skiduo Lindsay Vonn und Mikaela Shiffrin, die slowenischen UFOs des Skispringens namens Prevc, und so weiter und so fort.
- Folgerichtig braucht Österreich für seine Goldmedaillen Chaosrennen im Skicross, Oder gegnerische Fehler auf dem Snowboard. Oder ein Sensationscomeback der „boardend“ springenden und lange verletzten Doppelolympiasiegerin Anna Gasser. Die Sache kann jedoch auch furchtbar schiefgehen.
- Was würde im Volksmund und medial passieren, wenn „wir“ Olympische Winterspiele ohne Goldmedaillen für Österreich erleben? Das Mindeste wäre die öffentliche Hinrichtung aller Sportler und Trainer. Dabei sind im Sport Debakel unvermeidbar. Kein Superstar und keine Siegernation sind davor gefeit. Wie geht man also mit einer Niederlage um?
- Als 1984 in Sarajevo eine Bronzemedaille die magere Ausbeute blieb, blamierte sich unsere Alpenrepublik mit nationalistischem Wehgeheul und latent rassistischen Schuldzuweisungen an die Veranstalter in Ex-Jugoslawien. Acht Jahre später in Albertville verspottete eine schwedische Zeitung die eigene Mannschaft, in dem sie auf eine sonst leere Seite schrieb: „Hier sollte über Erfolge der Athleten berichtet werden. Es gibt keine.“
- Es ist ein Element unserer Kultur, dass immer die Anderen schuld sind. Wir kennen das von Politikern nach Wahlniederlagen. Nie gibt irgendeiner zu, was schieflief. Beim Sport haben die hinterlistigen Italiener ein Wunderwachs, die deutschen Rodler regelwidrige Kufen oder – das sagen ausgerechnet wir als Wiederholungstäter – die norwegischen Loipenhelden unentdeckte Dopingmittel.
- Es ist zu hinterfragen, wem gegenüber die Angst vor dem Eingeständnis sportlicher Fehler so groß ist. Das ist das Volk. Also wir alle. Samuel Beckett sagte sinngemäß „Schon mal versucht, und schon mal versagt? Macht nichts. Versuch‘s nochmal, versage besser!“ In den USA wurde das zur Unternehmerphilosophie. Dort werden Messen veranstaltet, wo Wirtschaftstreibende ihre Fehler erzählen, damit andere Firmen daraus lernen. Wir tun das nicht.
- Was stand in Spaniens Zeitungen, nachdem der Titelverteidiger und zweifache Europameister bei der Fußball-WM 2014 in der Vorrunde kläglich gescheitert war? Die beste Schlagzeile lautete: „Danke für sechs wunderschöne Jahre!“ Danach kam die Aufforderung an alle Spieler, sich bloß nicht für ein Versagen zu entschuldigen. Stattdessen vertraute man darauf, dass eine neue goldene Generation kommen wird. So geht das.
Dieser Text ist am 31. Jänner in meiner Sportkolumne im profil erschienen. Das Original befindet sich hier und ist im profil-PDF nachlesbar.