profil-Kolumne 8: Fisch schwimmt, Mensch läuft
Was haben Linz und Wien mit Antalya, Belgrad, Bergen, Bratislava, Enschede, Gozo, Hamburg, Hannover, Kaunas, Kreta, London, Mailand, Padua, Rhodos, Rotterdam, Saloniki und Zürich gemeinsam? Überall da in Europa wird im April ein großer Marathon gelaufen.
- Jenseits der europäischen Grenzen gibt es in diesem einzigen Monat zudem Marathons von der australischen Hauptstadt Canberra bis nach Hobart, wo sonst gesegelt wird. Oder in Jordanien am Toten Meer nahe der Kriegsregion. Oder in Cartago. Was in Costa Rica liegt, Hannibals Geburtsstadt am Mittelmeer ist nicht gemeint. Vom ältesten – seit 1897 stattfindenden – Marathon in Boston ganz zu schweigen.
- Danach folgt das Rennen auf der Big Sur in Kalifornien als schönste Küstenstraße der Welt. Detto gibt es bis Monatsende Marathons in Almaty, Nagano und Santiago de Chile. Hinzu kommen Bukidnon auf den Philippinen, Miri in Malaysia und Puerto Vallata in Mexiko. Wie viele dieser Marathonstädte hätten Sie ohne Dr. Google auf der Landkarte gefunden?
- In Boston und London sind jeweils bis zu 60.000(!) Läufer am Start. Sogar in Linz und Wien sind es – mit den Zusatzbewerben – 20.000 beziehungsweise 40.000 Laufbegeisterte. Weltweit beendet jedes Jahr eine Millionenzahl von Verrückten einen Marathon. Was bringt Menschen dazu, freiwillig über 42 Kilometer lang zu laufen?
- Der Kolumnentitel ist ein Zitat von Emil Zátopek. Der Tscheche gewann bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki sowohl im 5.000 und 10.000 Meter-Lauf als auch im Marathon die Goldmedaille. Ich wollte auch kein Fisch sein und wurde Volksläufer. „Marathonis“ bewundere ich, weil ich auf dieser Strecke kläglich gescheitert bin. Ja, ich kam zweimal ins Ziel. Das war aber, bevor ich so richtig Laufsport betrieb.
- Danach wolle ich flott sein. Anhand seiner Bestzeiten auf kürzeren Strecken kann man sich ausrechnen, was im Marathon theoretisch möglich ist. Für Nicht-Weltklasse-Läufer gilt als Faustregel die doppelte Halbmarathon-Zeit plus zehn Minuten. Was Teil der Faszination ist: Langstreckenläufe sind keine Talentsache, sondern das Produkt des langen und zielorientierten Trainings nach Plan.
- Meinen zwölfwöchigen Trainingsplan hatte ich ein- und durchgehalten. Der Haken war das Wetter: Es war schweineheiß. Intelligente Läufer verabschiedeten sich von ihren Zeitzielen. Der kleine Peter war dumm und probierte es trotzdem. Mein Marathon endete im Wiener Prater nach drei Viertel der Strecke. Leider ohne „Runners High“ als bei langen Läufen rauschähnlicher Zustand der Euphorie.
- Schön war es, weil Leiden und Qualen dazu gehören. Mein Masochismus sah so aus, dass man zwecks Vermeidung des muskulären Katers nach Wettkämpfen ein paar Kilometer auslaufen soll. Schlaue Denker wären aus dem Prater zur U-Bahn gejoggt. Ich trabte bis zum Lusthaus und darüber hinaus. Das war jener Ort der Marathonstrecke, welcher am allerweitesten von sämtlichen Verkehrsmitteln und Heimkehroptionen entfernt ist …
- Frei von Eitelkeit bin ich nicht. Folgerichtig sage ich dazu, dass meine Partnerin – sie war 2024 Staatsmeisterin im Marathon, und versteht was davon – meint, für mich wäre eine Zeit von unter 2 Stunden 35 Minuten machbar gewesen. Stattdessen wurde ich Möchtegern-Sportreporter, und darf heuer im ORF wieder den Linzer Marathon kommentieren. Ich war schon fünfmal live dabei und es gab vier Streckenrekorde. Wer hat als Reporter so eine Erfolgsquote? 😉
- Doch fasziniert mich jedes Laufereignis, bei dem es auch kürzere Bewerbe gibt und alle Sieger*innen sind, die kilometermäßig viel weniger als den Marathon schaffen. Man kann überall trainieren und muss das nicht verwissenschaftlichen: Abwechselnde Geh- und Langsamlauf-Strecken mehrmals in der Woche genügen, um bald eine halbe Stunde am Stück zu laufen. Dass die Laufverrückten anfangen, an eine zehnmal so lange Distanz zu denken, das ist Teil des Mythos Marathon.
- Nur eine altgriechische Legende ist aber, dass ein Soldat in Kampfausrüstung aus der Ebene von Marathon stundenlang nach Hause lief, um den Schlachtsieg zu verkünden. Warum hat der Kerl seine Rüstung anbehalten? Ebenfalls Fischerlatein ist, dass Spiridon Louis sich durch Beten und Fasten vorbereitete und 1896 Marathonolympiasieger wurde. Liebe Kinder und Lauffreunde, macht das mit der Hungerkur bloß nicht nach.
Dieser Text ist am 3. April 2026 in meiner Sportkolumne im profil erschienen. Das Original befindet sich hier und ist im profil-PDF nachlesbar.