profil-Kolumne 9: Die Nationalität im Sport als „Bäumchen wechsel dich“
Im Sport haben Demokratien und Diktaturen eine Gemeinsamkeit: Die Zufälligkeit des Geburtsorts bestimmt, wer gefeiert wird. Oder man jubelt nach Staatsgrenzen getrennt. Wer aber soll für welches Land antreten dürfen?
- Der Leichtathletik-Weltverband hat letzte Woche elf Sportlern einen Nationenwechsel zur Türkei verboten. Nicht als Türken starten dürfen etwa die kenianische Ex-Weltrekordlerin im Marathonlauf Brigid Kosgei, der Jamaikaner Wayne Pinnock – 2023/24 zweimal Zweiter bei den Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen – und Russlands Sophia Yakushina als Siebenkämpferin der Extraklasse.
- Der 147 Zentimeter große Naim Süleymanoğlu hob vor Jahrzehnten an Gewichten mehr als das Dreifache seine Körpergewichts, und wurde als gebürtiger Bulgare für die Türkei dreimal Olympiasieger. Süleymanoğlus Fall zeigte die Notwendigkeit einer differenzierten Beurteilung: Er wurde durch eine „Bulgarisierung“-Kampagne im Geburtsland zu einer Namensänderung gezwungen und flüchtete. Das allerdings fädelte der türkische Geheimdienst ein, damit sich Turgut Özal als islamistischer Präsident mit ihm schmücken konnte.
- Süleymanoğlu war zudem gedopt wie eine volle Haubitze, was zwecks nationalistischer Erfolgspropaganda sowohl den Bulgaren als auch den Türken sehr recht war. Anderswo werden Sportler hemmungslos eingekauft. Katars Handball-Nationalmannschaft wurde 2015 Vizeweltmeister. Ohne einen Araber. Hinten hielt der bosnisch-serbische Danijel Šarić vom FC Barcelona die Bälle. Vorne warfen unter anderem Kubas Rafael Capote und Frankreichs Bertrand Roiné die Tore.
- Man kann die Meinung vertreten, dass in einer globalisierten Welt und insbesondere in EU-ropa als Nationalteams antretende Sporttreibende sowieso nicht zeitgemäß sind. Dann würde freilich die heurige Fußball-WM keinen logischen Sinn ergeben. Somit geht es darum, nach welchem Kriterium wer zu welchem Land gehört und ob Nationenwechsel erlaubt sind.
- Naiv ist, dass banal die Nationalität entscheidet. Carney Chukwuemeka ist österreichisch-englischer Doppelstaatsbürger, und Paul Wanner hat einen österreichischen und deutschen Pass. Beide werden bei der WM für Österreich den Ball treten. Doch der Erstgenannte lässt sich namentlich schwieriger aussprechen und hat eine schwarze Hautfarbe. Also jagt in so genannten sozialen Medien eine widerliche Wortmeldung die nächste.
- Dieselben Schwachdenker mokieren sich in grauenhaften Deutsch über die fehlenden Sprachkenntnisse Chukwuemekas. Obwohl sie – das war früher – schräge Einbürgerungen stammelnder Cracks beim Eishockey toll fanden. Frei nach einem Werbewitz: Ob New York Rangers oder Los Angeles Kings war den Rassisten egal. Hauptsache Kanada!
- Noch verwirrender ist, dass Marko Arnautovic zur fußballerischen Kultfigur wurde. Trotzdem er als Sohn einer Österreicherin und eines Serben nie aus seiner doppelten Identität ein Hehl machte, und als Lebenstraum nun bei Roter Stern Belgrad spielt. Arnautovic gibt den Lösungsweg vor: Ja, man kann gleichzeitig mehrere Identitäten haben. Das tut niemandem weh. Nicht einmal im Sport.
- Zurück zur anfänglichen Leichtathletik: Hier war der Anteil Österreichs eine Posse. Lange Zeit durften ausländische Läufer bei heimischen Vereinen auch Staatsmeister werden. Isaac Kosgei lebte viele Jahren in Österreich, und trainierte in Linz. An der hiesigen Staatsbürgerschaft hatte er wider alle Klischees kein Interesse. 2018 und 2020 wurde er österreichischer Meister im Marathon, was niemand störte.
- Dann änderte der heimische Verband nach Kampfabstimmungen seine Regeln: Ausländer sollten „echten Österreichern“ keine Weltranglistenpunkte wegnehmen. Derselbe Kosgei durfte daher 2021 nicht nochmals staatlicher Meister werden. In der Altersklasse „M40“ hingegen schon. Weil es da keine Punkte gab, die er einem Ureinwohner unserer Alpenrepublik stehlen würde.
- Inzwischen gibt es wieder ein neues Regulativ, das nur eine Mindestdauer der Vereinszugehörigkeit voraussetzt. Das beruhigt, dass nicht nach türkischem Vorbild serienweise internationale Superstars eingekauft werden, um nationale Titel abzuräumen. Dafür ist es möglich, unabhängig von der Farbe des Gesichts oder Reisepasses sportlich zu jemand zu halten, dessen Lebensgeschichte und Leistungen spannend sind.
Dieser Text ist am 26. April 2026 in meiner Sportkolumne im profil erschienen. Das Original befindet sich hier und ist im profil-PDF nachlesbar.