Rekordversuch und Grenzerfahrung in Berlin – Carola Bendl und Peter Filzmaier

Rekordversuch und Grenzerfahrung in Berlin – Carola Bendl und Peter Filzmaier

Die Rekordstrecke

Berlin ist ein wunderschöner Marathon. Von der Stadt her sowieso, aber auch mit einer flachen und sauschnellen Strecke. Von Paul Tergat (2003) über Haile Gebrselassie (2007/08) bis Eliud Kipchoge 2018 und 2022 liefen die Allergrößten beim Berlinmarathon ihre Weltrekorde. Der genauso große Kenenisa Bekele verfehlte Kipchoges Zeit um eine einzige Sekunde.

Hinzu kamen die Weltrekorde der Kenianer Patrick Makau 2011 und Dennis Kimetto 2014. Bei den Frauen kam Tigist Assefa 2023 mit der unglaublichen Weltrekordzeit von 2:11:53 ins Ziel. Lange davor – vor der Anerkennung offizieller Weltrekorde – waren in Berlin Christa Vahlensieck (Deutschland, 1975), Tegla Loroupe Chepkite (Kenia, 1999) und Naoko Takahashi (Japan, 2001) Weltbestzeiten gelaufen. Was auch Ronaldo da Costa (Brasilien, 1998) gelang.

Der Haken

Auf der schnellen Strecke von Berlin streben genauso viele ambitionierte Hobbyathlet*innen persönliche Bestzeiten an. Der Haken der Rekordkulisse: Es kann Ende des Sommers in Berlin auch sehr heiß sein. So auch am 21. September 2025.

Das Rennen stand schon einige Tage vor dem großen Tag unter dem Eindruck der zu erwartenden hohen Temperatur. Nur ich – Carola – rechnete damit, dass mich diese kaum betreffen würden, da ich nur einen Trainingslauf in der Vorbereitung für den Chicago Marathon plante. Peter war sowieso Weichei genug, um sich als Zuseher warmen Sonnenschein statt Nieselregen zu wünschen 😉

Sabastian Sawe versucht es

Der 30-jährige Sabastian Sawe hätte gerne kühleres Wetter gehabt. Er ist im Marathonlauf ein Spätberufener, und debütierte erst im Vorjahr. Sabastian, wer? Der kleine Peter ist stolz, dass er als Fan und Kommentator schon 2023 der tollen Läuferin Carola vorhersagte, das würde ein neuer Star im Marathon. Als sie und viele andere ihn kaum kannten.

Echt jetzt? Der Typ hatte den Halbmarathon in Berlin gewonnen. Und er wurde über diese Distanz Weltmeister. Und dann folgte sein Meisterstück: Er schlug in Kopenhagen über 21,1 Kilometer einen gewissen Jacob Kiplimo, seines Zeichens Fabelweltrekordler in 56 Minuten.

Danach gewann Sawe in Valencia seinen allerersten Marathon. In Jahresweltbestzeit. 2025 wiederholte sich das bei seinem Zweitstart in London. Hinter ihm war die versammelte Weltelite von Kiplimo bis Kipchoge. Sawes Ziel für Berlin war jedoch noch ehrgeiziger: Er wollte den Weltrekord des mit 24 Jahren tragisch verstorbenen Kelvin Kiptum brechen.

In der beschriebenen Hitze konnte das kaum gutgehen. Doch er versuchte es wirklich. Mit einer Angangszeit von 28:26 Minuten auf den ersten zehn Kilometern. Das war Weltrekordtempo.

Die Wetterzeichen

Die Stimmung in Berlin war, wie immer, ausgezeichnet. Ich, Carola, spürte bis zum Halbmarathon die stickig warme Luft noch nicht. Aber immer wieder sah ich Leute deutlich geschwächt die Strecke entlanggehen. Teilweise lagen sie auch mit Kreislaufproblemen im Schatten und mussten versorgt werden. Sogar vor der Halbzeit.

Warum sollte es den Hobbyläufer*innen besser gehen als den Stars. Vorjahressieger Milkesa Menghesa aus Äthiopien wollte an Sawes Seite bleiben. Das war nach rund 15 Kilometern vorbei, und er ward nicht mehr gesehen. Die restliche Weltklasse hatte schon viel früher resigniert.

Sawe schwächelte ein klitzekleines bisschen um den Kilometer fünfzehn herum. Doch er wollte diesen Rekord, und es schien sich ein „Nailbiter“ abzuzeichnen. 20 Kilometer in 57:09, der Halbmarathon in 1:00:16. Sawe kämpfte, und war immer noch nur ein paar lächerliche Sekunden über dem Weltrekord.

Die Mühen der zweiten Halbzeit

Ab der Hälfte wurde es aber mühsam. Die Temperaturen machten sich bemerkbar. Außerdem hatte ich – ein großer Fehler der ja nur zu Trainingszwecken mitlaufenden Carola – unzureichend Verpflegung mit: „Für einen Trainingslauf reicht ein Traubenzucker und das Iso-Getränk von den Labestellen“.

Ein großer Irrtum, zumindest an diesem Tag. Später als erwartet gab es an einer Verpflegungsstelle wenigstens ein Gel. Damit war zumindest das Energieproblem gelöst. Ab Kilometer 27 kamen plötzlich Schmerzen im rechten Knie dazu. Dreimal musste ich Gehpausen einlegen, jedes Mal verschwanden die Schmerzen wieder. Ab diesem Zeitpunkt war mir die Zeit noch unwichtiger als sie bei einem Trainingslauf ohnehin war. Wenn es ging, lief ich etwas schneller. Wenn es nicht ging, dementsprechend langsamer. Oder ich ging ein Stückchen zu Fuß.

Sawe als Meistertaktiker

Ein Fußmarsch war für Sabastian Sawe natürlich keine Option. 25 Kilometer in 1:11:32 und 30 Kilometer in 1:26:06 – das würde immer noch zu einer 2:01er-Zeit hinführen. Doch der Weltrekord war außer Reichweite und die Tendenz der Zwischenzeiten steigend. Würde Sawe erstmals in seinem (Halb-)Marathonleben einbrechen, fragte sich Peter am Streckenrand?

Sawe war nämlich bisher ein taktisches Phänomen gewesen. Er lief, was er konnte, und überzog nie das Tempo. Bei der Halbmarathon-WM lag er nach 18 Kilometern scheinbar abgeschlagen auf Platz vier, ohne sich von den Attacken der Konkurrenz aus der Ruhe bringen zu lassen. Er wusste, sie würden das nicht durchhalten und ihm „entgegenkommen“. Er holte wirklich alle wieder ein, als Letzten seinen Landsmann Daniel Ebonyo auf der Zielgerade. Dieser salutierte respektvoll, als Sawe vorbeilief.

Beim Berliner Marathon bewies Sawe neuerlich seine strategische Reife. Er drosselte rechtzeitig sein Tempo um eine Winzigkeit. Genug, um nicht ins Straucheln zu kommen, und das Ziel in 2:02:16 zu erreichen. Damit gewann er bei seinem dritten Marathonstart zum dritten Mal und lief dreimal Jahresweltbestzeit.

Die Qualen der Masse

Weiter hinten hatte ich (Carola) Gelegenheit, mein Umfeld zu beobachten. Bei einer Endzeit von 3:15 war ich trotz allem immer noch in einem Bereich unterwegs, in dem üblicherweise gut trainierte und ehrgeizige Leute zu sehen sind. An diesem Tag in Berlin erblickte ich aber ziemlich viel Resignation um mich herum. Viele hatten sich offenbar von Zeitzielen verabschiedet, kämpften mit den Kilometern und wollten einfach nur mehr irgendwie ins Ziel.

Wahrscheinlich der beste Plan B an dem Tag. Nicht die Temperatur allein war es, die das Laufen mühsam machte. 27 Grad Celsius sind zwar über den Idealbedingungen, aber vor allem kam eine drückende Schwüle dazu. Mir ging es da nicht anders als den Läufer*innen um mich. Ich nütze jede Gelegenheit, mich mit Wasser abzukühlen. Auf den letzten zwei Kilometer machte mein Knie zum Glück keine Probleme mehr. Ich konnte den Zieleinlauf Unter den Linden, durch das Brandenburger Tor und auf der Straße des 17. Juni immerhin zum Teil genießen.

Am Straßenrand

Von außen lässt sich der harte Kampf der Läufer*innen ins Ziel noch besser beobachten. Es war tragisch, einen irischen Altersklasseläufer zu sehen, der mit über 50 Jahren zu einer Spitzenzeit von unter drei Stunden unterwegs war. Bei Kilometer 40 – so knapp vor dem Ziel – wurde er aus dem Rennen genommen, weil er dehydriert kollabierte und merkbar desorientiert war.

Irgendwie war es verkorkst, als alle nach vierzig Kilometern Unter den Linden in Richtung Brandenburger Tor einbogen. Das lag freilich auch an einem ahnungslos übermotivierten Sprecher, der sich als Einpeitscher missverstand. Er faselte, dass es für Sawe bei vier Minuten Vorsprung noch knapp werden konnte. Nun ja.

An exakt derselben Stelle hatte sich die Frauensiegerin Rosemary Wanjiru nur noch vor sich hingeschleppt. Aus über 30 Sekunden Vorsprung auf die Äthiopierin Dera Dida wurden auf den Schlusskilometern nur noch drei. Unmittelbar hinter der Ziellinie fiel Wanjiru hin und um.

Wanjiru und Carola hatten eine Gemeinsamkeit: Während des Laufs hatten sie nicht immer viel Spaß. Aber Berlin war trotzdem für beide ein Erlebnis und die Reise wert.